Kilimanjaro Tag 5: Barafu Camp (4640 m) – Uhuru Peak (5895 m) – Mweka Camp (3080 m)

An unserem heutigen Gipfeltag klingelt der Wecker bereits um Mitternacht. Um diese Uhrzeit schon wieder aufstehen zu müssen ist einfach nur schrecklich. Das wünscht man wirklich niemandem (und schon gar nicht im Urlaub … aber wir haben es uns ja so ausgesucht^^). Ich bin schon 10 Minuten früher wach geworden, denn ich musste unbedingt mal pinkeln gehen. (Ja, der Leser bleibt hier auch vor solchen Alltäglichkeiten nicht verschont, das gehört nun mal zum Bericht dazu.) Am Berg auf 4.640 m Höhe mitten in der Nacht auszutreten ist keineswegs vergleichbar mit dem normalen nächtlichen auf Toilette gehen zuhause bei sich, wo es warm ist und es Licht und Wasser gibt und überhaupt … Aber zurück zum Berg: Erst mal quäle ich mich aus dem wohlig warmen Schlafsack heraus, mache die Stirnlampe an und ziehe meine dicke Daunenjacke darüber und die leicht gefütterte Wanderhose. Jetzt noch ein paar Socken und die Bergschuhe an und hinaus geht es in die Kälte – und das alles nur, weil ich ganz kurz mal pinkeln muss …

Während wir gerade erst aufstehen, gehen die meisten anderen Bergtouristen bereits los. In der Dunkelheit ist lediglich der Lichtkegel ihrer Stirnlampen zu sehen. Fredy meinte, bei unserer guten Ausdauer reicht es, wenn wir um 1 Uhr losmarschieren, um pünktlich zum Sonnenaufgang am Gipfel zu stehen. Ich bin froh um die extra Stunde an Schlaf! Zum Frühstück gibt es heißen Tee und einen Power-Riegel. Heute werden wir nur einen Rucksack mitnehmen, so können wir uns abwechseln mit dem Tragen. Wir sind startklar und es geht los! Dick eingepackt in Daunenjacke und Daunenhandschuhe marschieren wir in die Dunkelheit.

„Die 1.300 härtesten Höhenmeter liegen vor uns.“

Der Anstieg entlang des ewig langen und steilen Geröll- und Aschekegels erfolgt in relativ flachen Serpentinen, im zickzack hin und her. Der Weg ist relativ breit und es gibt keinerlei kritische Stellen. Die extreme Höhe ist die größte Schwierigkeit. Ich behalte meinen Puls im Auge und gehe Schritt um Schritt weiter. Am Wegrand sind überall Toilettenpapier und die Reste von menschlichen Klogängen zu sehen. Es ist wirklich eklig. Zum Glück ist es noch so dunkel, dass man fast nichts erkennen kann. Die zickzack Strecke zieht sich schier ins Endlose. Ich befinde mich noch halb im Tiefschlaf und gehe wie im Autopilot-Modus Schritt für Schritt. Einfach nur einen Schritt nach dem anderen. Immer weiter und weiter und weiter. Vor uns schieben sich mehrere Gruppen den Berg hinauf. Noch langsamer als wir. Als wir die Gruppen eine nach der anderen im Schneckentempo überholen, höre ich wie sehr manche der Leute keuchen und schnaufen. Ich bin froh, dass wir durch unsere Vorbereitungen am Mount Meru sehr gut akklimatisiert sind. Auch ich spüre die extreme Höhe aber kann den Umständen entsprechend relativ gut atmen. Dafür wird mir nun immer kälter, vor allem an den Füßen und bald auch an den Schultern und Armen. Wie lange müssen wir denn noch bergauf gehen? Ich frage mich ernsthaft, ob dieser Berg denn nie ein Ende nimmt. Fredy schlägt vor, dass wir kurz anhalten. Die Nacht ist kristallklar und über uns scheinen die Sterne wie zum Greifen nah. Sogar die Milchstraße zeichnet sich deutlich ab. Auch der Blick nach unten in die Ebene ist frei, es sind keine Wolken. In der Ferne erkennt man die Lichter von Moshi. Ob die dort unten in der Stadt auch unsere Lichter der Stirnlampen erkennen können? Der heiße Tee tut gut und wärmt ein bisschen. Ich esse ein paar Kekse. Dann geht es weiter.

Es stimmt, hier ist wirklich eiserner Wille gefragt! Irgendwann, als ich es schon fast satt habe immer weiter zu gehen, erreichen wir endlich den Stella Point auf 5.740 m. Jetzt gibt es kein Zurück mehr! Wir machen noch einmal kurz Halt aber weil es in dieser sternenklaren Nacht so unerträglich kalt ist, gehen wir Schritt um Schritt weiter. Ab dem Stella Point ist es zwar relativ flach aber in dieser extremen Höhe ist einfach jede Bewegung an sich anstrengend. Ich nehme meine letzten Energiereserven zusammen, denn ich weiß, gleich haben wir es geschafft. Auf den letzten paar hundert Metern zum Gipfel ist der Weg erstaunlich flach. Die Nacht geht langsam zu Ende, es wird allmählich etwas heller am Horizont. Dann ist es soweit: Nach etwa 5 Stunden erreichen wir gegen 6 Uhr morgens den Gipfel und stehen am 5.895 m hohen Uhuru Peak, dem höchsten Punkt Afrikas! Ich bin überglücklich und Fredy und Abel, unser Assistant-Guide, gratulieren uns freudig. Wir sind eine der ersten Gruppen am Gipfel und posieren vor einer der beiden Gipfel-Tafeln, um ein paar Fotos zu machen. Doch bei all der Kälte ist die Kamera eingefroren! Was für ein Glück, dass wenigstens die Handy-Kamera funktioniert. Ich bin so nervös, dass ich kaum still stehen kann aber es ist gleichzeitig die Kälte, die mich auffordert ständig in Bewegung zu bleiben. Langsam wird es immer heller und hinter dem Mawenzi geht die Sonne auf. Es ist so wunderschön dies einmal erlebt zu haben. Wir schalten unsere Stirnlampen aus und umarmen uns alle noch einmal. Ich halte kurz inne und bewundere die schier endlos weite Landschaft und genieße den Moment, bevor wir schließlich das Gipfelplateau wieder verlassen und den Rückweg zum Camp antreten.

 

Sonnenaufgang am Gipfel des Kilimanjaro, Tanzania

Sonnenaufgang am Gipfel des Kilimanjaro, Tanzania

Am Uhuru Peak, dem Gipfel des Kilimanjaro (5.895 m), Tanzania

Am Uhuru Peak, dem Gipfel des Kilimanjaro (5.895 m), Tanzania

 

 

 

 

 

 

 

 

Schwarzes Lavagestein und weißes Gletschereis am Kilimanjaro, Tanzania

Schwarzes Lavagestein und weißes Gletschereis am Kilimanjaro, Tanzania

Ein Teil der Southern Icefields, Kilimanjaro, Tanzania

Ein Teil der Southern Icefields, Kilimanjaro, Tanzania

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Southern Icefields im Sonnenaufgang, Kilimanjaro, Tanzania

Southern Icefields im Sonnenaufgang, Kilimanjaro, Tanzania

Zu unserer Rechten heben sich die gigantischen Southern Icefields empor. Wie große weiße Wände stehen sie da, bis die ersten Sonnenstrahlen sie in rosa-oranges Licht tönen. Der verbleibende Gletscher am Kilimanjaro ist die vergangenen Jahre stark geschmolzen, wer weiß wie lange hier ganzjährig überhaupt noch Eis sein wird. Nach den ersten paar hundert Metern des Hinuntergehens falle ich auf einmal innerlich in ein Loch. Ich begreife so langsam, dass ich es geschafft habe, ganz aus eigener Kraft war ich auf dem Gipfel des Kilimanjaro! Erst jetzt beginne ich zu realisieren, dass soeben einer meiner Träume wahr geworden ist. Auf einmal kann ich kaum noch weiter gehen, bekomme irgendwie nicht mehr richtig Luft, will mich nur noch hinsetzen und habe beinahe auch Tränen in den Augen. Es macht keinen Sinn dagegen anzukämpfen. Kurz vor dem Stella Point bleibe ich einfach stehen. Ich bin total fertig. Fredy kommt zu mir, legt eine Hand auf meine Schulter und sieht mich fragend an: „What’s the problem?“ Ich stottere, dass alles OK ist und ich einfach kalt habe. „So let’s go!“ ist seine Antwort. Er möchte uns so schnell wie möglich wieder weiter nach unten bringen. Also gehe ich ihm einfach nach, er eilt den Berg hinab, wir waten durch die Aschefelder wie durch Tiefschnee und verlieren im Abstieg schnell einige Höhenmeter.

„Bei jedem Schritt spüre ich, wie der Berg mir neue Kraft gibt, wie er all die Energie zurück gibt, die er uns beim Aufstieg genommen hat. Ein wahrlich schönes Gefühl!“

Es dauert dennoch lange, bis mir wieder warm ist. Doch jetzt scheint die Sonne, der Tag ist mit voller Wucht da! Immer wieder denke ich und bin ganz zufrieden und glücklich, dass wir es geschafft haben. Ich grinse breit allen entgegenkommenden Bergtouristen ins Gesicht, um auch ihnen etwas von meiner Freude abzugeben, damit auch sie es bis zum Gipfel schaffen. Auf dem Weg zurück ins Barafu Camp staune ich die ganze Zeit darüber wie weit wir nach oben gelaufen sind. Es geht bergab und bergab und bergab. Einmal legen wir eine kurze Pause ein, trinken etwas heißen Tee und stärken uns mit Keksen. Der Weg zurück ins Camp ist lang. Im Abstieg überholen wir kurz vor dem Camp eine andere Gruppe und kommen als erste an diesem Morgen zurück vom Gipfel im Camp an. Es ist erst gegen 8 Uhr morgens, kaum zu glauben, was wir heute schon alles erlebt haben! Fredy ist sichtlich stolz als Erster wieder zurück zu sein und die Jungs aus unserer Crew begrüßen uns herzlich mit einem high five Handschlag. Emanuel bringt uns etwas zu trinken. Wir sind total geschafft und verkriechen uns erst mal im Zelt. Dann trinken wir etwas Tee und Antipas, unser Koch, hat eine Suppe für uns gemacht. Ich habe zwar eigentlich gar keinen Hunger aber ich zwinge mich  dazu dennoch zu essen. Nach den ersten paar Löffeln spüre ich wie gut mir die heiße Mahlzeit tut und esse gleich zwei Teller. Ich bin so froh, dass ich weder Kopfschmerzen habe, noch unter Appetitlosigkeit leide oder sonst irgendwelche Auswirkungen der Höhe spüre.

 

Blick zurück auf den Kibo, Kilimanjaro, Tanzania

Blick zurück auf den Kibo, Kilimanjaro, Tanzania

Ankunft im Mweka Hut (Camp), 3.100 m, Kilimanjaro, Tanzania

Ankunft im Mweka Hut (Camp), 3.100 m, Kilimanjaro, Tanzania

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nach dem Essen bin ich extrem müde aber wir müssen nun zusammenpacken, denn es geht weiter hinab ins Mweka Camp, welches nur mehr auf 3.080 m Höhe liegt. Der Abstieg ist zwar nicht steil, dafür aber sehr sehr lange. Die Vegetation wird wieder reicher, Sträucher säumen den Weg und ich bin froh, dass wir aus dieser leblosen Steinwüste heraus sind. Dann denken wir schon, dass wir es geschafft haben, weil wir ein Camp sehen, doch dabei handelt es sich um das Millenium Camp, ein Hochcamp, das wir einfach passieren. Wir müssen noch weitere 700 Höhenmeter nach unten. Man spürt deutlich, wie die Luft nun wieder reicher an Sauerstoff ist. Ich laufe wieder im Autopilot-Modus. Kurz nach dem Mittag kommen wir im Camp an. Wir warten auf unsere Crew und das Zelt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals zuvor derart müde gewesen bin. Ich muss dringend Schlaf nachholen. Zudem haben wir heute bestimmt um die 19 km Strecke zurückgelegt. Nachdem die Jungs alles aufgebaut haben, waschen wir uns, essen Popcorn und entspannen gemütlich im Zelt. Was freue ich mich auf eine richtige Dusche und frische Kleidung morgen im Hotel! Abends nach dem Essen trommeln wir noch unsere ganze Begleitmannschaft zusammen, machen ein paar Gruppenfotos und bedanken uns bei jedem Einzelnen mit einem kleinen Trinkgeld. Als wir uns in unseren Schlafsack verkriechen schlafe ich schnell ein. Nach so einem anstrengenden und ereignisreichen Tag ist das kein Wunder.

 

Hier geht’s zur letzten Etappe: Kilimanjaro Tag 6: Mweka Camp (3.080 m) – Mweka Gate (1.630 m)

Ein Gedanke zu “Kilimanjaro Tag 5: Barafu Camp (4640 m) – Uhuru Peak (5895 m) – Mweka Camp (3080 m)

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